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Vom Sterben der Wirtshäuser.

Die Gründe dieses Phänomens werden von Zeit zu Zeit in der Presse durchaus groß aufgebauscht und mitunter falsch bewertet. Teilweise aber haben alle Argumente ihren Wahrheitsgehalt, die Wahrheit sind sie nicht. Das Wirtshaus, Gasthaus gibt es in der Art wie das einst historisch zustande kam, lange schon nicht mehr. Heute sind Landwirtshäuser beispielsweise oft auch sehr gute Restaurants geworden, denn die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte bedingte das. Die Öffnungszeiten liegen mit den Mahlzeitgewohnheiten der Kunden zusammen. Die sterbenden, um die es immer wieder geht,  sind jene, die sich sehr starr den äußeren Veränderungen entgegenstellten und sich an ihre Irrtümer hielten, die sie am Ende vernichteten, oder, und noch immer ruinieren. Meine Ideen dazu sind anders, weil ich glaube aus meiner Erfahrung und Praxis Dinge herauszulesen, zutreffender, als dies, was in den Fachzeitschriften steht.

 

Wirtshäuser haben ihre Bedeutung als volkstypische Gaststätten zum großen Teil bereits eingebüßt, weil der Begriff Wirtshaus mittlerweile auf Großbetriebe angewendet wird.

 

 

 

Wenn ich hier, wo ich bin, einen gedachten Kreis von einigen Kilometer Durchmesser mache, dann gab es, als es mich hierher verschlug, im Jahre 1987, mehrere echte sehr gute Wirtshäuser, außer denen, welche man heute noch vorfindet. Die neu dazugekommenen Gaststätten habe ich ausgelassen. Es geht ja ums Sterben der alten Wirtshäuser....

 

Richtung Moosdorf gabs den für Stammtische beliebten „Kuglerwirt“, ein echtes Familienwirtshaus, ohne Angestellte, nur Wirt und Wirtin. Oberhalb von uns, in nur 50m Entfernung, im Dorf, das Gasthaus „Daringer“. Das Kirchenwirtshaus hier, zuletzt nur mehr an einigen Wochentagen in Betrieb, bevor es ohne Nachfolge geschlossen wurde. In Gundertshausen steht noch das Schnaitl Braugasthaus welches in Betrieb ist und in Haselreith, der „Wirt zu Haselreith“. Solches Gasthaus war für die umliegenden Bauernhöfe und ein eindeutiges Familiengasthaus. In Heimhausen, etwa 2km vom Ortskern entfernt, gibt es das Gasthaus Scharinger, den „Steinerwirt“. Noch früher stand auch im Ortsteil Höpfling ein weiteres Gasthaus. In Ibm, dem einst so idyllischen Sommerfrische Ort, gab es früher gleich drei Wirtshäuser auf engstem Raum, ein Kaffeehaus und noch ein Kaufhaus Stüberl wo man sich treffen konnte.

Heute gibt es von den alten Gastwirtschaften somit nur mehr einige wenige. Neben uns, dem von uns gepachteten Gasthaus Stöger, den Brauerei Schnaitl Braugasthof, der ein nettes modernes kleines Hotel geworden ist und das Gasthaus Scharinger „Steinerwirt“im Revier Heimhausen, ein nettes Cafe am Ortsrand von Ibm, sowie die Campingplatz Gaststätte Gasthaus Wallner am See ist nichts mehr vorhanden...

 

Die Gründe, welche zur Schließung alten Gasthäuser führten, sind zuerst einfach schnell erklärt:

Deren Besitzer wollten und konnten aus mehreren Gründen nicht mehr weitermachen. Sie wurden Pensionäre, Nebenberufs Ausübende oder hatten keine, fürs Wirtshausleben passenden Nachkommen.

 

Meine Meinung ist, dass ein Ort immer noch mit mehreren gut geführten Wirtshäusern, durchaus die Chance hätte, alle gut besucht zu erhalten, wenn es nur das richtige Angebot gibt und Voraussetzungen dafür gibt. Ein zeitgemäßes Angebot mit guten Mahlzeiten und guten Getränken. Passenden Öffnungszeiten und daraus auch die leicht finanzierbaren Erhaltungskosten.

 

Doch die vorhandenen und geglaubten Schließungsgründe reichen dem oberflächlichen Menschen den Abgang dieser Gastgewerbe irgendwie nachhaltiger zu empfinden. Dass man etwas versäumte kommt nicht vor. Denn für eine erfolgreiche Wirtschaft braucht es immer auch die richtige Weichenstellung, lange bevor die Abbiegung zu einer Wende kommt, welche sehr genau am Verhalten der Kundschaft einzustellen ist.

 

Früher einmal war das Wirtshaus eine Art öffentliches Wohnzimmer, die Eigenheime und Bauernstuben waren eng und reine familiäre Privatsphäre, man traf sich aus den bekannten Gründen lieber mit Freunden im Wirtshaus als daheim. Das blieb über viele Jahrhunderte so. Zudem war offen ausgeschenktes Bier in guter Qualität lange nur im Gasthaus zu konsumieren.

 

Dort gab es auch den nötigen Imbiss und für angeregte Diskussionen die gute Laune, mittels Bier und Spritzwein. Große Dorfgasthäuser waren die echten Gemeindestuben und Vereinslokal in einem. Hochzeiten hatten noch eine nette Größe, dass solche Veranstaltungen ein Familienbetrieb ohne Aushilfen bearbeiten konnte. Ein Ball hatte dazumal noch lässig in unserem kleinen Gasthaus Platz. Es kamen nur die Menschen aus dem Dorf. Zudem war das Wirtshaus besonders am Sonntag ein wichtiger Bestandteil dörflicher Kommunikationskultur. Nach dem Kirchgang für einen „Auszug“ aller Bevölkerungskreise, zu Mittag auch der Sonntagsbraten von einem guten Schwein mit Knödel für die Leute aus der Gegend, Touristen, Geburtstagsfeiern, Taufen, Firmung, das Jahr hatte genug Festlichkeiten von denen der Wirt traditionell profitierte.

 

Ein Wirt lebte gut davon, zusätzlich hatte man zuletzt zur Modernisierung über die Zeit noch mehrere Automaten aufgestellt für allerlei Genuss. Brezel, Erdnüsse vom Großhandelshaus, Essigwurst vom Metzger, Würstl sowieso. Semmel und Brot zum Gulasch vom Bäcker. Kondome im Herrenklosett. Alles bestens. Kaugummi und Plastikflitterwerk noch auf der Hausmauer, außen für die Schulkinder, Schilling für Schilling kam so ins Börserl.

 

Die materielle Zeitenwende kam für den Wirt mit allgemeinen Wohlstands - Wachstum innerhalb der Bevölkerung auch auf das Land. Stolze, schmucke Einfamilienhäuser bekamen Kellerbar und Sauna. Der Verein baute ein Klublokal. Abende wurden ruhiger, Viele Stammkrügel blieben leer....

 

Die Essenslust stillte plötzlich auch ein Chinese in der nächsten Stadt, oder ein Italiener mit seinem Ristorante irgendwo in der nahen Landschaft. Der typische Wirt hatte sich zuwenig bis nichts gaumenerregenderes zugelegt das Leute anzog, als sich von einer fettigen Fritöse das Cordon bleu zugelegt .. Dort frittierte man bald alles was heiß serviert werden konnte... . Seine „hosensackgewärmte“ (ein Kosewort im Innviertel das tatsächliche Erfahrungswerte wiederspiegelt) verdorrte sprichwörtlich gleich auch mit seinem Geldbeutel im Sack..

 

Ein treffendes Fallbeispiel: In Eggelsberg belebten zum Beispiel um Anfang der 90er Jahre noch die Schichtarbeiter der großen Fabriken Burghausens und Ranshofens jedes Gasthaus, in deren Nähe eine Haltestelle jener Arbeiterbusse war, welche die Leute zur Fabrik abholten und wieder brachten. Da füllte sich nach Ankunft eines Busses mindestens ein großer Tisch und man trank das „Afterwork Bierchen“ oder zwei drei vier und wollte nicht heimgehen wenn die Schicht nächsten Tag von Früh auf Spät wechselte. Essigwurst und Würstel mit Saft mundeten. Doch davon konnte man bald gar nicht mehr seine Familie ernähren. Die Folgen davon waren dann typische Argumente zwischen Wirt und Gast, die darauf hinausliefen, dass der Gast des Wirtes Zeit über Gebühr benutzte, aber nicht so konsumierte , dass es zur Freude und kaufmännischen Erfolg des Wirtes war.

Ein Wirt, ohne übriges solides Geschäft gab dann gerne auf, zudem er dazu noch eine Landwirtschaft führen musste oder selber schon berufstätig in einer Fabrik geworden war, die Sonntagsruhe und den Schlaf brauchte. Das Haus war schnell umfunktioniert, denn diese kleinen Gaststätten waren nie größer als die Gaststube.

So endeten in ganz Österreich dazumal viele „eingesessene“ Kleingaststätten. Von den ohnehin durch Mängel fast verfallenen Spelunken, will ich nicht schreiben. solche mußte die Behörde vermutlich sogar schließen.

 

Ein größeres Problem waren große Gaststätten, in welchen, aus völlig falscher Motivation sehr hohe Summen investiert worden waren. Küche mit hohen Anschlußwerten am Elektrizitätswerk, großer Saal. Raffinierte Schanktechnik gegen das den Bedienungen immer unterstellte "Bescheissen". Riesige Gastgärten und Spekulation mit Bustouristen, sowie mit Touristen überhaupt. Einige Jahre wurden sie noch im Familienbesitz mit unterbezahltem Personal und Schwarzarbeitern aus dem Familienkreis betrieben, die gastronomische Leistung bezog man aus der Fertiggerichtsindustrie und degenerierte von der Selbstständigkeit zur Abhängigkeit. Bank, Brauerei, Weinhändler Metzgerei, Bäckerei und Großhandelshaus teilten sich die Geschäftspolitik mit dem Wirt. Die Lagerung wurde schwierig und die Frische bei den Produkten der Küche fehlte vollends. Durch den Mangel an Praxis die man bei frisch gekochten Mahlzeiten bekommt, wurde man faul und träge und verlor die Fähigkeiten, welche den guten Wirt ausmachten. Der schlecht bezahlte Koch und der ausgebeutete Kellner gaben der Sache noch den Rest. Der Profit blieb aus. Jammernd saß man bei der Wirtsgemeinschaft zusammen, die Personalkosten waren schuld, die Vereinsheime und die bösen Chinesen im nächsten Städchen. Selbst sah man nicht ein, falsch spekuliert zu haben. Sogar die Gäste wurden auch sehr verwegen eingeschätzt, so nach der Art: der Tourist frisst alles, und was der nicht nahm, nahm doch vielleicht gerne der Einheimische. Dem war aber längst die Richtungslosigkeit des Großgastwirts aufgefallen, sein exaltiertes Angebergehabe wie sein Strampeln nach finanziellem Land. Von der Bank sickerte langsam durch er sein Pleite. Die Arbeiterkammer pfändete...

Das ist nur ein kleines Beispiel versagender Gastronomen. Steht auch nirgend wo so in der Zeitung.

Also versuchte man den Schuppen zu verpachten. Warum selber arbeiten wenn keiner mehr wollte?

So geschah es dann, dass in kleinen Dörfern, das Wirtshaus mit Saal im Dorfzentrum neben der Pfarrkirche  Wochenend Disko wurde, zum allgemeinen Leidwesen der Bevölkerung die nachdem sie beim abgegangenen Wirt um guten Speis- und Trank, auch noch um ihren verdienten seligen Schlaf kamen.

 

 

Der zweite Erwerbsweg eines abgestürzten Wirts:

 Die lukrative Verpachtung.

 

Man sieht sie in Zeitungen immer noch. Diese billigen kleinen Zweizeiler Inserate: „Goldgrube an tüchtigen Wirt zu verpachten“. Anfragen unter....

 

Fragt wer Interessierter an, dann findet er meist einen Gasthof vor, in guter Lage, wo eben ein Pächter das Handtuch geworfen hatte und noch den im Pachtvertrag vereinbarten Jahresputz erledigt hatte... . Der Besitzer erklärt eventuell wortgewaltig dass der von dannen gezogene Pächter es nicht schaffte, das richtige Publikum für seinen Pachpalazzo anzusprechen. Wo doch in der Gegend so viele reiche Familie wohnten, die täglich Gäste sein könnten und nur auf einen guten Wirt warteten.  Er führt möglicherweise den potenziellen Pächter durch die Liegenschaft, Küche, Keller, Speiseraum, alles da, ein wenig abgewohnt, aber das werde man sicher besser gestalten. Und man wolle investieren.

 

Keine Rede davon welch Depp er selber doch war als er den Gasthof erfolglos zusperrte und diese bequeme Art der „Einkommensgenerierung“ wählte.

Wird der Pachtvertrag unterschrieben, hat der neue Pächter mitunter auch seinen schnellen Ruin mit abgesegnet. Gewiefte Verpächter wissen wie das geht. Pachtverträge sind die großen Lachnummern auf Notarparties soweit so etwas dort mal zur Sprache kommt. Da werden Klauseln formuliert, für solche ein normaler Mensch einen Germanisten benötigt um sie zu verstehen. Es wird irgendwelche Brauerei übervorteilt weil sie hat ja die Schank ausgestattet, und an jedem Bier hinter der Rechnung wird am Pachtzins vorbei fleißig mitkassiert.

 

Es braucht immer auch zwei dazu: Da einen geldgierigen möglicherweise stinkfaulen Deppen mit geerbter Gastronomie - Liegenschaft und dort einen gewinnsüchtigen, krankhaft narzisstischen Gastronomen. Die ideale Mischung zum Erfolg mit fulminanten Ende. Einen Koch aus der Elite kann es erwischen, dass er blind etwas undefiniert verständlich unterschreibt, weil er endlich selbstständig werden kann, oder einen biederen Kellner der bloß seiner Familie ein gutes Leben bieten möchte und glaubt, dieser Gasthof sei ihm nicht zehn Nummern zu groß, das Gästepotenzial zu gering und die Pacht viel zu hoch.

Der gelernte Gastronom, Kellner oder Koch, oder ein schon mal konkursversierter Fachmann wird "was" daraus machen, dass die Leute herum in der Gegend nur so mit den Ohren wackeln. Dem Besitzer taugt es, er weiß aber immer mehr als er zugibt, weil auch keiner fragt. Der zwanzigste Pächter in dreißig Jahren, jeder eventuell total Pleite davongegangen, ab und zu durch Offenbarungseid noch jahrelang hoch verschuldet; und trotzdem findet sich stets wieder einer der meint es besser zu können. Einer der glaubt Fortunas Einzelkind zu sein.

 

Die Goldgrube war zwar den Gescheiterten schließlich  nur eine Schottergrube,  für die armen Mitarbeiter eine Schlangengrube, für die Gäste ein Scheißhaus mit Essgelegenheit und in der Werbung des Besitzers doch das erlesenste Haus in der Gegend, das nur den richtigen den Wachküsserkönig der Gourmandise noch nicht fand.

 

Der findet natürlich immer noch wen, nennt ihn unter sich  meinetwegen schon einen weiteren „Blödmann“ zum abmelken und verdient aber doch kurze Zeit mit ihm vielleicht das doppelte was er früher selber nie schaffte mittels gerissenen ausformulierten Pachtvertrag. Das Haus verfällt bis niemand mehr kommt und irgendwann wird es abgerissen... Beispiele sind in unserer Region einige dafür vorhanden. 

 

Der Pachtvertrag ist ein frühkapitalistisches Machwerk aus der Zeit des Grundherrentums, wann man "Ertragsliegenschaften" weiter bewirtschaften lassen musste, da die eigene Kraft fehlte, dessen juristische Generalsanierung jetzt wieder viele Wirtshäuser  erhalten könnte. 

 

Teilweise sind sie mit fantasiereich ausgestatteten Klauseln formuliert, die sich mit allen Wassern gewaschene Wirtshaus- Besitzer untereinander durch die Zeiten angewohnt haben, zum Satzgebilde fast jeden ausgehandelten Pachtvertrag gehören, den Besitzer übervorteilen, den Pachtnehmer benachteiligen, deren Wirkungen oft gegen alle guten Sitten verstoßen, und sogar so, dass wenn einmal wer erfolgreicher das Objekt hat, der gleich wieder draufzahlen muss bis es ihm die Laune am Arbeiten verdirbt, und er hinwirft. Der nächste Kandidat wartet schon auf diesen Goldesel.

 

Solche Gasthäuser gibt es natürlich auch immer weniger, weil , Gott sei Dank, die Betriebsstätten Regeln der Behörden, oder das verschärfte Arbeitsrecht, sonstige weise Vorschriften, auch diese der Geldverleiher, den Betrieb großer Nepper Buden nicht mehr ermöglichen, ohne dass ein tragendes Geschäftsfeld vorhanden ist.

Es wird immer besser. Durch die neuen Medien, sprechen sich Berichte über Abzocker bei den Immobilienbesitzern besser herum und potenzielle Klienten sind gewarnt.

 

Bernhard Gössnitzer  Mai 2018

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