Man muss jedem Gastrosophen der in die
Oberflächlichkeit des heutigen Zeitgeists verwebt ist einmal in den
Ruinen von Pompeji oder an einer anderen antiken Ausgrabungsstelle eine
Küche zeigen, oder das was noch davon übrig geblieben ist . Schnell hat
man seinen romantischen Unsinn vom lieblichen Schmause in der antiken
Welt vergessen, denn vieles das sich die Gastronomie heute als
geselliges und fröhliches Werken an Herden und Töpfen darstellt ist
schlichter Unsinn. Es gibt wenige Berufe die tödlicher waren als jener
des Kochs. Als Künstler wurden sie früher einmal nur am Rande des
Geschehens bekannt. denn kein Fest und kein sieg würde ohne das folgende
Mahl etwas Wert gewesen sein. So finden wir in den Schriftrollen viele
Berichte von guten Köchen.
Ich habe mir im heurigen Sommer einen Rest einer antiken
Palastküche in den römischen Ruinen am Kärntner Magdalensberg angesehen
und ein wenig darüber spekuliert wie es wohl vor vielen Jahrhunderten
dort zugegangen sein mag. Ein fremdenführender Student behandelte diesen
Teil recht lustig und leutselig redete er von den feudalen Festen in der
Anlage. Ich dachte dass dieser Mensch dabei an
Fremdverkehrsorte wie Ischgl in Tirol und Ballermann 6 auf Mallorca
gedacht haben mag, wenn er redselig die Vergleiche zog. Dabei
mußte nach meinem Ermessen die Küche an einer völlig anderen Lage
gewesen sein. Aber Archäologen welche sich während des Studiums mit
Billigfraß verköstigen, wissen nicht wie das Essen für bessere
Leute organisiert werden mußte. Daher waren diese Küchen immer in
unmittelbarer Nähe zum Speisesaal, wenn nicht mitten darinnen.
Wir haben wenige historische Zeugnisse über den Arbeitsplatz Küche.
Köche waren bis auf den Küchenchef immer Sklaven. Sehr gerne nahm man
Geiseln aus dem Feindesland um sie in den Küchen einzuspannen, ein
wunderbares Gefängnis mit Schwerstarbeit das wenige lange überlebten.
Die dürftigen überlieferten Berichte sind von dichterischem Schwelgen
überfärbt, der Humanismus eines Cicero ,Ovid oder Augustinus ging nicht
soweit dass man sich viel dabei dachte wenn ein Küchenmensch
verunglückte. Gerade die katholische Glaubensvariante maß dem Kochen und
der Kochkunst lange kein große Bedeutung zu, denn Essen war
Völlerei und wer genug zu essen hatte war stets ein miserabler
Glaubensbruder. Elend als gut preisend, für die Unterdrückung der
Menschheit sorgen und gutes Essen, das geht nicht. Und wer schert sich
da um das Heil in den Küchen der Dekadenz? Von den Prügeleien unter den
Köchen zu schreiben ist umsonst. Pöbelart und Prügeln das geht gut
zusammen und war an der Tagesordnung bis die Körperverletzung klagbar
wurde. Erschlagen wegen eines angebrannten Gemüses oder wegen eines
angefressenen Schweinskopfs das ist nichts Aufregendes. Auspeitschungen
weil das Essen versalzen war ? Ans Kreuz geschlagen wegen
Zuckerdiebstahls? Vierteilung und Säcken mit giftigen Schlangen
widerfuhr einem Koch des großen Kaiser Konstaninus. Sexuelle
Ausschweifungen mit allen Küchenbeschäftigten und sexuelle Schändungen
mit toten Tierkörpern? In ferne Kolonien wegen Keksdiebstahls verschickt
zu werden - Das ist doch keine Strafe? Alles war möglich. Strenge
Herren, prügelnde Küchenmeister und kriminelle Zubereitungsmethoden
spielten sich durch die Jahrhunderte hoch bis es peinlich wurde. Einen
schillernden Bericht aus einer französischen Herrschaftsküche gibt uns
neben Voltaire auch der Marquise de Sade....
Um ein großes Essen zu verfertigen begann der Koch sein Tagewerk um 3
Uhr morgens. Die großen Öfen erforderten Unmengen von Holzkohle und Holz
und die Hitze war unerträglich. Küchen hatten kaum Fenster denn die
Speisen sollten während des Anrichtens nicht zu sehr auskühlen.
Besonders vor dem direkten Servieren wurden sogar alle Kamine
geschlossen, sodass es zum ersticken rauchte dampfte und man sich
dadurch eine erbärmliche Lebensqualität herstellte. In diesen Küchen
durfte niemand auch nur ein Wort reden , nur die Stimme des Küchenchefs
war zu hören und was jener sagte musste unverzüglich geschehen. Köche ,
vor allem Chefköche sind strengst Gesellen, man sagte besonders den
Frauen schlimmste Gebräuche nach. Bis in die heutige Zeit bleibt diese
Charaktereigenschaft auch Geistesbildung, denn viele Hotelfachschulen
wurden auch in unserer Zeit noch sehr autoritär geführt. Man lernte
dienen und erzog den Ausbeutern ihre Bezahlsklaven.
Antonin Careme
Man soll aus ärmlichen Verhältnissen stammen um den Reichtum
schätzen zu können, ihn zu mehren und ihm Glanz an den Tafeln zu
verleihen . Was Du ererbst von Deinen Vätern, erwirb es um es zu
besitzen.... Das beachten nur die wenigstens und verfallen der
Dekadenz..
In Paris am 8. Juni 1783 als Sohn eines armen Mannes geboren verstarb
er als der bedeutendste Schöpfer feiner Speisen seiner Zeit in
bitterster Armut am 12. Jänner 1833. War es die Macht des
Schicksals oder einfacher Zufall oder gastronomische Vorsehung dass
diese Persönlichkeit jenen außergewöhnlichen Weg genommen hat der uns
heute von ihr bekannt ist. Mit ihm hat die Zivilisation den ersten
Fürsten der Kochkunst erhalten.
Sein Vater, ein Pariser Handwerker konnte die große Familie nicht
mehr ernähren und übergab ihn nach einer Mahlzeit in einer Pariser
Vorstadttaverne seiner Vorsehung. Careme beschreibt selbst dass ihm sein
Vater diesen Rat mit auf den Lebensweg gegeben hat: "Du musst es alleine
schaffen mein Kleiner, diese Welt ist voller Möglichkeiten, uns aber hat
sie nur Not und Elend gegeben und wir werden mit unserer Not sterben.
Für dich wird es bessere Zeiten geben, irgend eine Türe wird sich öffnen
und Du wirst Dein Glück finden. Sei voller Zuversicht und Fleiß, mit dem
was Dir Gott gegeben hat, musst Du glücklich werden."
Dieser kleine Mann auf diese herzlose doch wahrscheinlich notwendige
Art verlassen, hätte an jede Türe klopfen können. Vielleicht wäre
dann aus ihm ein Hufschmied oder ein Tuchmacher geworden. Er lenkte
seine Schritte zu einem kleinen Kochgeschäft das sich an der
Straßenseite etabliert hatte und bekam dort seine erste Arbeit. Der Mann
den man später den Koch der Könige und den König unter den Köchen nannte
hatte seine Laufbahn in einem der schlechtest denkbaren Läden der Stadt
begonnen. Aber seine flinken Hände und sein heller Geist verhalfen ihm
bald zu mehr. Von jenem Kochladen mit seinen Suppen und Pasteten zu der
Küche eines besseren Restaurants dauerte es nicht mehr lange. Als
fünfzehnjähriger war er bereits eine Autorität an Wissen und
Fertigkeiten welche beeindruckende Speisen herstellen konnte.
In der Rue Vivienne gab es dazumal die bekannteste Patisserie
Frankreichs , den Feinkostladen Bailly wo man an den Königshof lieferte.
Dort lernte ihn der Diplomat M.de Talleyrand kennen. Talleyrand wusste
um die Zauberkraft einer guten Küche beim regeln diplomatischen
Angelegenheiten, und so fand sich Marie Antonin Careme später auch unter
seiner Begleitung am Wiener Kongress. Als Andenken hinterließ er das
Rezept zur Wiener Schokoladenmasse, die man heute als Sachertorte kennt
ohne auf diese berühmte Vaterschaft hinzuweisen. Als er für die Reise
Paris verließ meldete Talleyrand seinem König Ludwig XVIII : "Sire, was
wir brauchen sind nicht ihre geschriebene Anweisungen, sondern genug
Kasserollen, Gänseleber und Zuckerbäcker!
Careme berichtet dass er bereits mit 17 Jahren der erste
Tortenbäcker von Bailly war. "Mein Meister zeigte großes Interesse an
mir, er erlaubte mir meine Arbeit zum Zeichnen im Entwurfszimmer zu
verlassen .Dort lernte ich nebenbei auch lesen und schreiben. So übte
ich mich in der Anfertigung großer Schaustücke für die Tafeln der
Fürsten." Er war ein Meister der Schaustücke geworden und verband
Architektur mit Kochkunst. Bauwerke aus Zucker und Tragant wurden bald
überall erforderlich wo jemand mitunter auch nur seine Protzigkeit
besonders unter Beweis stellen wollte. Erst auf geometrisch und
architektonisch einwandfrei aufgebauten Sockeln fanden sich dann die
Speisen zum Verzehr. Anatole France , Biograph vieler Zeitgenossen
Caremes schrieb über ihn , als er seine Meisterwerke sah: " Es gibt Fünf
feine Künste: Malerei, Bildhauerei, Dichtung und Architektur, alle davon
sind in der Erzeugung von feinem Konfekt enthalten."
Talleyrands Küchenmeister A. Boucher nahm den jungen Careme zu
sich und hier bekam er dann auch den richtigen Unterricht in der
Kochkunst wie sie im Schloss des Diplomaten zelebriert wurde. Nach zwölf
Jahren mit Boucher war Careme seinem Meister bei weitem überlegen.
Ständige Arbeit mit verschiedensten Köchen auf den Reisen hatten ihn
gebildet. Durch Reisen in alle Teile Frankreich wurde er ein Kenner der
Landwirtschaft und des Weinbaus redete mit den Bauern und dem einfachem
Volk. Dort entwarf er seine französische Küche mit Rezepturen aus den
finsteren Familienküchen. Von alten Frauen und aus Klosterbibliotheken
sammelte er seine Ideen. Prukvoll erscheinen einfachste Volksgerichte
auf den Tafeln der Herrscher....
Die paneuropäische Expansionspolitik Frankreichs am Beginn des 19.
Jahrhunderts wurde für die Kochkunst zum Dilemma. Personalmangel
und Mangel an Lebensmitteln zwangen die Wirte mit weit weniger
Personal als bisher auszukommen. Auch die Teuerung durch Kriege und
Hungersnöte wirkten sich für die Kochkunst wie man sie kannte,
besorgniserregend aus. Die rauschenden Feste wurden spärlicher.
Das erzeugte eine Notwendigkeit die Küche zu reformieren.
Das führte zur Abschaffung der Coulis ( Eine langwierige aufwendige
Zubereitung zum Würzen - Vorläufer der heutigen Soßen ) und zur
Einführung der Spanischen Soße.
Man erlebte um 1810 eine kleine Blütezeit der Pariser Küchen. Es
diskutierte die feine Gesellschaft die Errungenschaften Caremes in den
Salons Europas und es fanden sich viele Kritiker die ihm darüber
neidisch sehr intrigantisch nachstellten. Careme hatte um 1815
zumindest einen großen Gegenspieler in der Pariser Gastronomieszene
namens Beauvilles. Glücklicherweise verstarb Beauville 1820 bevor dieser
Konflikt ausartete. Es war üblich geworden sich öffentlich zu
verschmähen und die jeweilige Kochpraxis anzuprangern. Man übertraf sich
schon damals in der Ausstattung des Restaurants und bei den Berechnungen
der Speisen war man sich gegenseitig immer in den Haaren. Köche waren
nie gute Kaufleute. Immer mehr Restaurants gingen bankrott
weil sie sich nicht auf die neue Zeit einstellen konnten oder wollten.
Die Lebensdauer eines Betriebes kam kaum über 20 Jahre hinaus,
jeder Betrieb verbrauchte eine Unzahl an Arbeitskräften welche zumeist
schon sehr bald aus Frust über die schlechten Bedingungen und die Flüche
des Küchenchefs das Handtuch warfen.
Um 1815 hat Careme den Haushalt Talleyrands verlassen um sich besser
in der Geschäftswelt der Pariser Gastronomen zu etablieren. Er bekochte
den Prinzregenten. Seine Kochkollegen in der Stadt waren eifersüchtig
und verschmähten seine Gesellschaft, das bedrückte Careme sehr und er
mied daher jeden Kontakt mit seinen Fachgefährten. So verließ er Paris
und kam nach London, jedoch nur für kurze Zeit 1818 findet man ihn
wieder in Paris. Zar Alexander von Russland berief ihn zum Leibkoch aber
auch Russland gefiel ihm ebenso wenig wie das neblige England. So kam er
1820 wieder in Paris an und wurde Koch des englischen Botschafters.
Careme der erste große
Meister des kalten Buffets.
1823 erscheint sein erstes Kochbuch. der
französische Haushofmeister. (le maitre d´hotel francaise)
In hunderten Menübeispielen beschreibt er den Küchenstil seiner
Epoche. Aus allen Hauptstädten Europas führt er Beispiele an und gibt
einen Überblick seiner Kunst. Hier gibt er sich als Künstler des kalten
Buffets mit seinen Schaustücken und galanten Groß - Schmausereien.
In einem anderen Buch das 1828 erscheint beschreibt er seine
Chaudefroids und Aspik Gerichte. Eine Zubereitungsart welche bereits
wieder vollkommen in Vergessenheit geraten ist. Mit dem Aspik hatte
Careme auch sein Pech: Zu einem sehr wichtigen Anlass hatte er zuwenig
Aspik in die Speisen getan und die gestürzten Sachen wabbelten auf den
Tellern. Beschämt zog er sich weinend in seine Küchenkammer zurück und
man hatte Sorge er würde sich wegen dieses Missgeschicks das Leben
nehmen. Diesen Vorfall hat er sich selber nie vergessen.
Genauigkeit und Pünktlichkeit lobte er über alles und eigene
Fehler konnte er sich nie verzeihen. Sein letztes Werk war dann eine
Abhandlung über die exklusive französische Küche , eine langatmige
Beschreibung der bis dahin bekannten klassischen französischen Küche. In
diesem Buch legt er hunderte Variationen von Suppen dar. Er führt hier
die Art ein Fleisch mit Fleisch zu kombinieren und Fisch mit Fisch.
Hahnenkämme und Kalbsbries werden Garnituren. Espagnole , Bechamel und
Veloute werden Standardsoßen mit hunderten Varianten.